…heißt: Multifunktionshandy
Aus einem Gerät, was anfangs so groß war wie ein Baseballschläger, und auch so benutzt werden konnte ist heute ein knapp 100g schweres Ding geworden mit dem neben Telefonieren, SMS verschicken, Games zocken, Internet, email, etc. mittlerweile auch die akustische Beschallung seines Umfelds möglich ist. Mit der Qualität eines Volksempfängers werden die aktuellen Charts abgespielt. Wo man früher seinen Ghettoblaster auf der Schulter getragen hat, hat man heute das Handy lässig in der Hand und unterhält neben sich selbst auch sein Umfeld. Hierbei ist es egal, ob man gerade auf dem Weg zur Schule, zur Party, in der voll besetzten Feierabend S-Bahn oder in Wartehallen der Deutschen Bahn befindet. Was auch lustig ist: habt ihr schonmal jemanden mit seinem Handy Punk, Klassik, Metal, Jazz oder sonstwas hören gesehen? Ich nicht. Die Gruppe der ignoranten Störenfriede scheint sich auf HipHop- und House-Anhänger beschränken zu lassen…Aber um von allgemeinen Geschwafel mal auf den aktuellen Anlass zu kommen… Heute auf dem Weg von der Schule nach hause fuhr ich mit der Bahn um halb 6 nach Hause. Um die Zeit war die Bahn natürlich voll von Leuten, die von der Arbeit nach hause fuhren. Naja und wie sich das so gehört sitzen in einem Abteil ein ca. 18 Jähriger (wie sich später herausstellt Türke) und seine Schwester und – wie könnte es anders sein – das Handy ist am dudeln, und was kommt? Natürlich Hiphop. Nach dieser Eindrucksvollen Bestätigung aller Klisches fing es dann an. Ein älterer Herr bat den Störenfried seine Musik doch bitte auszumachen,sie störe die Leute. Das wurde dann erstmal ignoriert und auch nach dem dritten mal zeigte er außer “Alter du hast mir nichts zu sagen mann!” wenig Reaktion.
Das wäre der Punkt gewesen an dem ich die Sache nach dem Satz “der Klügere gibt nach” aufgegeben hätte. Tja, aber der Kerl der sich beschwert hatte war leider nicht so clever und es ging weiter mit so Sätzen wie “wenn du das Handy nicht ausmachst, werf ich es aus dem Fenster!” oder: “Ich schmeiß dich an der nächsten Station raus”, etc.
So richtig lustig wurde es dann, als die Schwester des Betroffenen sich lautstark einmischte und so Sätze wie “nur weil wir Türken sind” oder “Du hast hier gar nichts zu sagen”, etc. fielen. Irgendwie hat sich die Sache dann doch wieder bisschen beruhigt gehabt und ich musste aussteigen, konnte mir einen Kommentar gegenüber der Streitfraktionen nicht verkneifen:
“Unabhängig davon, wie alt wir sind oder welche Nationalität wir haben fahren wir alle in diesem Zug, und gerade weil wir hier in Deutschland sind bedeutet das nicht, dass jeder tun und lassen kann was er will, sondern, dass man sich gegenseitig respektiert. Und dazu gehört genauso, dass man in Zeiten des Kopfhörers seinem Umfeld nicht seine Musik aufdrängt wie, dass man sich wenig Lapalien nicht so aufregt und sich gegenseitig fast an die Gurgel geht.”
Naja, ich glaub ehrlich gesagt nicht daran, dass der Typ jetzt was an seinem Verhalten ändern wird. Die Frage, bzw. das Problem was ich aber nach heute noch klarer sehe als davor ist folgendes:
Jeden stört ein solches Verhalten, aber keiner sagt etwas dagegen. Entweder weil man gelernt hat, dass es sowieso nichts bringt, oder weil man weiß, dass falls man sich auf eine Diskussion einlässt von solchen Deutschen mit “Migrationshintergrund” eine verlorene Diskussion immer noch mit dem Satz gerettet werden kann: “Nur weil wir Ausländer sind”. Ungeachtet dessen, dass das Argument absolut unbegründet und falsch ist, ist es trotzdem DAS Totschlagargument schlechthin und fast keiner “traut” sich dann noch etwas zu erwidern.
Wie seht ihr diese Sache?
10 Comments
Ich glaube mit Sätzen die der Mann verwendet hat ist dieser Art von “Mitbürgern” nicht beizukommen. Eben diese Deutsche mit “Migrationshintetgrund” kennen und reagieren meist nur auf etwas härtere Umgangstöne – das ist kein Vorurteil, sondern Erfahrung, ich musste zwei Jahre lang mit einem Türken in die Schule fahren. Sie sehen sich solange im Recht, bis einer sie wirklich einschüchtert. Traurig aber wahr
Ich sehe (und höre) solche Leute auch täglich in Berlins Bussen und S-Bahnen. Nur, dass es sich dabei nicht hauptsächlich um “Schüler mit Migrationshiontergrund” handelt, sondern genauso oft um Kinder deutscher Eltern. Deutsche sind sie alle, Handys haben sie die gleichen, nur die Musik ist teilweise etwas anders. Gestört fühlen sich fast alle dadurch, nur sagt niemand etwas dagegen. Nicht wegen Furcht, Diskriminierung auszuben, sondern weil wöchentlich Menschen nach Zwischenfällen, wie du sie beschrieben hast, Leon, mit Messern schwer verletzt oder getötet werden.
Das Phänomen Handybeschallung hat übrigens auch nicht viel mit Bildung zu tun, auch Gymnasiasten verhalten sich so.
Aber zu dem eigentlichen Punkt deines Texts, der Verwendung des Totschlagarguments: Solche Situationen finden tatsächlich häufig statt. Sie entsteht aber meist nicht, wie in diesem Fall, weil sich “Ausländer” diskriminiert fühlen, sondern weil man selbst übervorsichtig ist, diese Menschen übervorsichtig behandelt. Das war und ist vielleicht auch teilweise sinnvoll, weil in vielen von uns doch noch einige Vorurteile sind – jede Äußerung wird überprüft, ob sie nicht auf ihnen beruht. Aber im Grunde ist diese übervorsichtige Sonderbehandlung ja auch Diskriminierung.
So wie du zu handeln ist also im Grunde die einzige Möglichkeit. Auch wenn so eine Sprache wohl kaum verstanden werden wird.
es is ziemlich spät und ich komme grad aus köln und mir fällgrade auf dass ich den ganzen nichts außer kaffee getrunken hab…damit will ich sagen ich fass mich kurz. das problem is nich, dass man denkt uiuiui die haben migrationshintergrund und ich will kein nazi sein, sondern dass die auf ne höfliche nette hinfrage eh nich reagieren auf allet andere auch nicht und man denen ja nich einfach eine scheuern kann, weil
1. ungesetzlich
2.unmoralisch
3.an der nächsten haltestelle 5 freunde/familienmitglieder stehen und einem was mitgeben.
es is traurig aber als ottonormalbahnfahrer kann man da echt wenig tun. die bahn müsste leute habern die ein verbot kontrollieren. das würde auch arbeitsplätze schaffen. alles prima
ach ja, auch wenn ich mich durchaus auch dazu zähle muss ich eine latente äh..politsch korrekt für auf herkunft/religion beruhende Abneigung (?)…na ja jedem das seine
Jaja, Jedem das Seine, woher kennen wir das nochmal?
Gerade diese Haltung führt doch heutzutage zu Respektlosigkeit.
ehre wem ehre gebührt, martin.
jemandem respekt entgegnen, der durch seine asoziale im sinne nicht der gemeinschaftförderliche art seine mitmenschen belästigt hat vllt den respekt eines sozialarbeiters oder jugendrichters verdient. würde hat jeder mensch- gottgegeben wenn du so willst (nur redewendung natürlich). aber repekt muss man sich verdienen. und wenig braucht so lange um zu wachsen und kann gleichzeitig so schnell zu nichte gemacht werden
Naja, ich denke das Problem was einige Ausländer oder Deutsche mit Migrationshintergrund haben, die sich nicht integrieren bzw. nicht über ein geregeltes Sozialverhalten verfügen haben ist, dass sie selbst nicht das Verhalten an den Tag legen, dass sie von den anderen erwarten. Insofern kann man das Problem auf ein elementarsoziologisches zurückkürzen und ist bei der Goldenen Regel “Wie du mir, so ich dir.” Ich spiele ernsthaft mit dem Gedanken mir – wenn ich bald auch ein solches Handy hab *hrhr* – da paar Metalsongs und bisschen klassische Musik draufzumachen und mich in Zukunft einfach daneben zu setzen und das anzumachen und dann einfach mal schauen was passiert. Angst hab ich jedenfalls keine.
Und was du sagst Nicolas ist völlig richtig! Es ist in der Tat so, dass nicht nur ungebildete Ausländer sich so verhalten, sondern mindestens genauso viele Leute anderer Gesellschaftsschichten. Daher sagte ich ja auch, “Unabhängig davon, wie alt wir sind oder welche Nationalität wir haben…” das kann man dann auch noch durch “und welchen Bildungsgrad wir haben” ergänzen.
Hm… solange die Musik gut und die Qualität einigermaßen ist hab ich nichts gegen die Rahmenunterhaltung.
Leider ist meist weder ersteres noch letzteres gegeben – dann bleibt mir nur noch der eigene Kopfhörer.
Gemäß dem wie du die Situation geschildert hast bin ich auch der Meinung, dass sich der ältere Herr etwas toleranter hätte verhalten können. Klar kommt das drauf an _wie_ laut jetzt die Musik war und ob dieser Herr vielleicht aus persönlichen Gründen so reagiert hat… aber ich glaube nicht dass das Handygedudel in einen Bereich fällt den man Menschen nicht mehr zumuten kann. Immerhin sitzt der Mann ja auch nicht in der Bibliothek sondern in der Bahn, wo es doch immer irgendwie laut ist.
Vielleicht hatte dieser Mann tatsächlich ein Problem mit dem Migrationshintergrund der beiden…?
Ich kenne übrigens tatsächlich Leute deren Handydisco ständig Rock & Punk dudelt.
Daniel tut mir leid ich muss dir widersprechen:
sicher man ist in der ohnehin lauten umgebung des Straßenverkehrs. aber leider durchdringt dieses gedudel auch den straßen lärm noch. das ist echt nochmal ne portion nervigkeit obendrauf. zumal wenn das jeder machen würde…garnicht auszumalen. ich kann den herren da schon verstehen, unabhängig von irgendwelchen hintergründen
Seh ich ehrlich gesagt genauso. Es gibt nun mal Dinge, die tut man in der Öffentlichkeit nicht oder nur eingeschränkt. Als genauso störend empfinde ich z.B. Raucher, die mir ihre Zigarette ins Gesicht halten, Pärchen, die ihre Zuneigung nicht zügeln können oder fremde Hunde, die mich abschlecken. Das ist dann bei mir keine generelle Abneigung, lediglich empfinde ich es in der jeweiligen Situation als unpassend. Seine eigene Reaktion dann aber angemessen zu gestalten, ist nicht immer einfach.
PS: Lieber Oli, wenn ich mir so angucke, zu welchen Zeiten du deine Einträge hier schreibst, frage ich mich, ob du eigentlich auch manchmal Schule hast…;-)
Ich persönlich fand es eigentlich schon nervig, als ständig irgendwelche polyphon-schrecklichen Klingeltöne klingelten gefolgt vom obligatorischen: “Ach hall XY, ich steh hier grad da und da” in einer Lautstärke wie’n Düsenjet.
Naja. Ich bin wie fast alle anderen hier der Meinung, dass der Mensch sich ein bisschen sehr viel aufgeregt hat. Das war schließlich in der Bahn, da sagt auch keiner was wenn die Fußballfans Wolfgang Petri grölend durch die Abteile ziehen. Allerdings find ich es etwas blöd, dass Leute mit Migrationshintergrund (was für’n tolles Wort) immer gleich in die Kerbe hauen von wegen: “Das ist ja nur, weil ihr keine Ausländer mögt”. Auf diese Art und Weise kann man jedes Fehlverhalten mal gerade so unter den Teppich kehren, weil ja die bösen Deutschen nur was gegen Ausländer haben. Schlechtes Benehmen ist schlechtes Benehmen und wird es auch bleiben ob man nun Migrant ist oder nicht. Aber ich denke mal, den Leuten das klar zu machen ist nicht so ganz einfach.
One Trackback
[...] Dies klingt zunächst seltsam, entpuppt sich aber als eine ebenso abgedrehte wie unterstützenswerte Initiative. So bemängelte etwa schon Leon auf nichts.da: Wo man früher seinen Ghettoblaster auf der Schulter getragen hat, hat man heute das Handy lässig in der Hand und unterhält neben sich selbst auch sein Umfeld. Hierbei ist es egal, ob man gerade auf dem Weg zur Schule, zur Party, in der voll besetzten Feierabend S-Bahn oder in Wartehallen der Deutschen Bahn befindet. [...]